Einer von uns Beiden

Dieses Thema im Forum "Kurzkritiken und Diskussion" wurde erstellt von Willy Wonka, 15. August 2011.

  1. Willy Wonka

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    #02 15.08.2011 Willy Wonka
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. August 2011
  2. Willy Wonka

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    Einer von uns Beiden


    Bei der Recherche für die Seminararbeit eines Freundes entdeckt der gescheiterte Berliner Student Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow), dass die Doktorarbeit seines ehemaligen Soziologieprofessor Kolcyk (Klaus Schwarzkopf) gefälscht ist. So hat Kolcyk seine Arbeit exakt von einer amerikanischen Vorlage übersetzt und abgeschrieben und die Arbeit als sein geistiges Eigentum ausgegeben.
    Ziegenhals sieht hier die Möglichkeit seiner prekären finanziellen Lage zu entfliehen und erpresst den angesehenen Professor. Anfänglich bezahlt dieser auch Ziegenhals Forderungen, aber auf Dauer bildet sich zwischen beiden Persönlichkeiten eine intensive Auseinandersetzung mit alternierenden Angriffen von psychischer und physischer Natur.

    Wolfgang Petersen schildert in seinem erstem Kinofilm die Kollision zweier divergierender Welten. So entstammen die beiden Kontrahenten Ziegenhals und Kolcyk unterschiedlicher Milieus und beide Charaktere werden im Prinzip des Pars pro toto verwendet d.h. beide Figuren stehen für einen Teil des Ganzen. So wird die elitäre Akademikergesellschaft durch Kolcyk personifiziert und Ziegenhals steht für das Proletariat. Durch die Erpressung verändern beide Charaktere ihr Stellung in der Gesellschaft. Ziegenhals will mithilfe des erpressten Geldes des Proletariats entfliehen und Kolcyk wildert in der kürzlichen Vergangenheit und Umgebung von Ziegenhals, um eine Möglichkeit zu finden die Erpressung zu beenden. Doch der Habitus beider Figuren ist zu sehr an ihrem jeweiligen Umfeld gewöhnt, was aber leider im Film zu wenig Erwähnung findet.
    Der Fokus des Films liegt auf das Handeln dieser beiden Personen und durch ihre Taten oder Untaten werden die restlichen Nebencharaktere des Films eingebunden. Auch wenn die Nebencharaktere u.a. mit Otto Sander und Elke Sommer prominent besetzt sind, bleiben sie stets im Hintergrund und dienen als Stütze für die Entwicklung der Geschichte. Das Konzept und die Charaktere erinnern zum Teil an das Autorenkino der 60er oder 70er Jahre, aber Petersen konzentrierte sich auf seine Position als Geschichtenerzähler und inszenierte einen unkonventionellen kommerziellen Thriller für das Kino. Kommerziell ist diesem Fall, aber nicht negativ zu verstehen.
    Leider unterscheidet sich sein erster Kinofilm nicht von seinen früheren oder späteren Arbeiten für das Fernsehen, was Petersen heute unter anderem auf die Auswahl der Schauspieler zurückführt. So wirkt der Soziologieprofessor wie ein Zwilling von Kommissar Finke aus den „Tatort-Filmen", denn Schwarzkopf verändert nur leichte Nuancen im Spiel von diesen beiden eigentlich unterschiedlichen angelegten Charakteren. Doch das fehlende Kinogefühl geht auch auf die Regiearbeit von Petersen hervor, welcher anscheinend während der Dreharbeiten noch zu sehr an seinen „Tatort-Filmen" gebunden war, denn er verwendet im Film mehrmals nahezu identische Kameraeinstellungen und -aufnahmen. Vor allem die Einstellungen im Auto und aus dem Automobil heraus sind standardisierte und langweilige Kopien aus seinen Arbeiten für das Fernsehen. Dialoge werden fast immer in Schuss-Gegenschuss-Einstellungen abgehandelt. So kann summa summarum die Regiearbeit nur als solide handwerkliche Arbeit betrachtet werden, welche aber nicht das Prädikat „Kinofilm" verdient hat.

    Im Erscheinungsjahr 1974 hat der Film sehr viel positive Kritik geerntet und gewann den deutschen Filmpreis in der Kategorie „Beste Kamera" und Wolfgang Petersen wurde als bester Nachwuchsregisseur ausgezeichnet. Auch wenn die Preise meiner Erachtens zu viel der Ehre sind, hat die deutsche Filmlandschaft schon früh erkannt, welches Talent Petersen besitzt, denn gemessen an einem guten Fernsehthriller ist „Einer von uns Beiden" ein ruhiger, authentischer und unkonventioneller Thriller, welcher unbedingt Beachtung finden sollte.
     
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