Videodrome
Im Jugendalter griff ich in der Videothek zu jedem Film, der sich in der Horrorecke befand. Mit meinen eher noch konventionellen Sehgewohnheiten konnte ich aber nicht viel mit dem Film anfangen. Ich fand ihn sogar ziemlich doof. Allerdings merkte ich irgendwann, dass der Film mich infiziert hatte. Filme, die in der gleichen Reihe der Videothek standen, verblassten, aber die Erinnerung an die seltsame Atmosphäre von Videodrome war weiterhin präsent. Jahre vergingen, Filmverständnis wurde stetig verbessert und durch Wissen, ändert sich nunmal auch der Geschmack. Videodrome blieb aber dabei im Hinterkopf und den Grund dafür, wollte ich bei einer Zweitsichtung ermitteln und da hat er mich dann komplett umgehauen. Bis dato gilt er dann auch als mein Lieblingsfilm von David Cronenberg.
Max führt einen eigenen TV-Sender, den Kanal 83. Eine kleine Fernsehgesellschaft, die sich auf das etwas andere Programm spezialisiert hat und nach Mitternacht auch ein wenig Erotik und Gewalt zeigt. Ihm reicht das aber nicht mehr wirklich und er will neue Zuschauer gewinnen. Durch eine nicht ganz legale Empfangsstation lässt er Signale aus aller Welt einfangen und sucht dort nach verwertbarem Material. Dort wird er von ganz seltsamen Bildern, die scheinbar aus Malaysia stammen, elektrisiert. Man sieht dort keine Handlung, sondern lediglich wie zwei Männer eine Frau zu Tode foltern. Er will wissen, was es damit auf sich hat und findet heraus, dass die Bilder nicht aus Malaysia stammen, sondern aus Pittsburgh. Er versucht Kontakt zu den Machern herzustellen, obwohl er gewarnt wurde, da die Bilder anscheinend echt zu sein scheinen. Immer mehr verliert er sich in dieser Welt und kann schon bald nicht mehr die Realität von Halluzinationen abgrenzen, die immer stärker werden.
"Es lebe das neue Fleisch!"
David Cronenberg drehte den Film bereits 1981 und erschuf damit ein Monster, welches sich nachhaltig ins Gehirn frisst. Damit geht der Zuschauer Hand in Hand mit dem Protagonisten, der kongenial von James Woods verkörpert wird. Genau wie er, wissen wir schon bald nicht mehr, ob wir uns gerade in der Realität oder in einem Alptraum befinden. Die Bilder sind völlig krass und waren in dieser Form zuvor noch nie auf der Leinwand. Mit sensationellen Effekten wird eine Welt erschaffen, von der man vorher nicht mal geträumt hatte. Völlig surreal und trotzdem immer greifbar wird man immer tiefer in diese bizarre Erzählstruktur hineingezogen. Dabei wimmelt der Film von Metaphern, die mit ihm selbst, aber auch mit dem Zuschauer spielen. Zusätzlich besitzt der Film komplett prophetische Züge, wenn man bedenkt, was Videodrome in seiner Grundstruktur aussagt und was wir heute in der Filmwelt vorfinden. Ebenso visionär sind die Bezüge wie die gesehenen Dinge, den Kopf verändern können, was hier durch einen Tumor metaphorisiert wird. Man denke nur an die ganzen Verschwörungstheoretiker und Quarkdenker, die, je mehr sie von den gleichen Dingen bei youtube und Konsorten betrachten, immer gestörter werden. Der "Tumor" wächst. Trotzdem hinterlässt David Cronenberg eine Menge Interpretationsmöglichkeiten und liefert ganz viel Spielraum für eigene Gedanken. Hier steht am Ende nichts fest.
"Ich weiß, dass der Tod nicht das Ende ist"
Auf keinen Fall darf man aber auch die Performance von Debbie Harry unerwähnt lassen, da sie für eine Menge ikonischer Bilder steht und oft zitierte Passagen hinterlassen hat. Die Sängerin der Erfolgsband "Blondie" passte hier einfach absolut perfekt in die Rolle. Musikalisch wird der Film aber einmal mehr von Howard Shore begleitet, der hier einen sehr zurückhaltenden aber dafür umso effektiveren Score abliefert. Die verwendeten Töne fräsen sich tief ins Unterbewusstsein und sind für die durchweg bedrohliche Atmosphäre des Films mitverantwortlich. Gerade diese immer spürbare Bedrohung ist neben den Effekten das Nonplusultra des Films, denn sie ist durchgehend vorhanden und gönnt sich niemals eine Pause. Ein absolutes Meisterwerk von David Cronenberg.