Urteil von Nürnberg

Die wilde 13

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Filmkritiken
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Urteil von Nürnberg


Nach dem Ende des 2. Weltkrieges fanden in Nürnberg die "Nürnberger Prozesse" statt. Der dritte von insgesamt 13 Prozessen befasste sich mit der Justiz im dritten Reich. Regisseur Stanley Kramer nahm diesen 1961 zum Anlass, daraus ein Stargespicktes Gerichtsdrama nach einem Drehbuch von Abby Mann zu verwirklichen.

Die Personen im Film sind fiktiv aber an realen Personen angelegt, die im Prozeß angeklagt waren oder Richter waren. Auch hat Kramer sich nur auf 4 Angeklagte (von eigentlich 16) beschränkt, damit der Film nicht ausufert, denn auch so hat er eine stattliche Länge von 188 Minuten. Er wirft vor allem die Frage auf, wie es ausgerechnet Juristen, die den Unterschied von Recht und Unrecht ja kennen sollten, verantworten konnten, so vielen Menschen so viel Leid zu zuführen, auch wenn es die Nazigesetze es so verlangten.

Durch die Einführung von Spencer Tracy als Richter Haywood erfahren der Zuschauer gleich zu Beginn, das dieser Prozeß alles andere als leicht wird und Haywood ist nach zig Absagen anderer, bekannterer Richter auch eher die 10. Wahl und es ihm bewusst. Haywood ist dann auch derjenige, der sich zunächst mal ein objektives Bild der Lage in Nürnberg und dem einfachen Volk verschafft. Auch im weiteren Verlauf des Prozesses ist es Kramer immer sehr daran gelegen, viele Perspektiven und Meinungen zu vermitteln, sei es durch den Ankläger Lawson (Richard Widmark), der eigentlich alle Verantwortlichen des Nazi-Regimes zumindest hinter Schloss & Riegel bringen und danach am liebsten den Schlüssel wegschmeißen will oder durch den Verteidiger Hans Rolfe (verdienter Oscar für Maxillian Schell), der das gesamte deutsche Volk auf der Anklagebank sitzen sieht. Und die beginnende Blockade Berlins durch die Sowjets (im wahren chronologischen Kontext nicht ganz korrekt) spielt auch noch eine nicht unerhebliche Rolle in diesem Prozeß.

Der Film vermittelt sehr gut, wie wichtig diese Prozesse damals waren, um sich mit dem ganzen, unvorstellbaren Greueltaten der Nazis auseinander zu setzen und natürlich die Verantwortlichen zu bestrafen. Wie wir alle wissen, hat dies noch bis in die 60er Jahre gedauert, die ganze Tragweite auch der nachfolgenden Generation zu vermitteln aber es war vor allem ein wichtiger Anfang.

Der großartige Cast ist über jeden Zweifel erhaben, Marlene Dietrich als Grande Dame versucht Haywood klar zu machen, das nicht alle Deutschen Verbrecher sind. Ausgerechnet sie, der man die (natürlich berechtigte) Kritik zum Regime schon während der Nazizeit übelnahm, macht das mit leisen Tönen und Gesten wunderbar. Absoluter Höhepunkt ist der Auftritt von Montgomery Clift im Zeugenstand, sehr bewegend und fantastisch gespielt! Ein Oscar als bester Nebendarsteller wäre hier angebracht gewesen aber er war zumindest wie Judy Garland und Spencer Tracy nominiert. Und Burt Lancaster als Hauptangeklagter Ernst Janning besticht durch eine unglaubliche Präsenz, auch wenn er bis auf eine Rede (die es so aber gar nicht gab) fast gar nichts sagt.

Trotz der langen Laufzeit ein kurzweiliger, durchaus spannender und vor allem hoch interessanter und kritischer (auch gegenüber den Amis!) Film, den man gesehen haben sollte. Ich werde auf jeden Fall den Hauptmarkt in Nürnberg beim nächsten Mal mit ganz anderen Eindrücken betreten, denn auch Spencer Tracy hat hier seine Abdrücke hinterlassen.

9/10
 
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