The Shrouds
Karsh ist ein innovativer Industrieller in der Beerdigungs-Branche. Seine Firma Grave-Tech bietet einen ganz speziellen Service für die Kunden an. Via App können sie sich nämlich den Verwesungsprozess anschauen, da im Grab eine Kamera installiert ist, zu die nur der jeweilige Kunde einen Zugang hat. Auf die Idee kam er, weil seine Ehefrau Becca verstorben ist und er den Tod nicht verwinden konnte. Er wollte weiterhin ständig bei ihr sein und entwickelte somit dieses seltsam anmutende System. Durch den nie überstandenen Trauerprozess ist allerdings sein weiteres Leben komplett eingeschränkt und ordnet sich dem Tod unter. Zaghafte Dates werden weiterhin von seinem Verlust überschattet und jegliche Versuche in das Leben zurückzufinden scheitern. Eines Tages wird aber sein elektronischer Friedhof verwüstet. Zunächst sieht es nach dem Werk von Vandalen aus, aber schon bald fällt auf, dass die 9 zerstörten Gräber einen Zusammenhang aufweisen. Alle Leichen waren Patient bei Dr. Jerry Eckler, der wiederum verschollen ist.
Ich glaube wirklich, dass für diesen Film nur David Cronenberg in der Lage war. Die Thematik an sich ist schon äußerst skurril, aber tatsächlich ist dies die Trauerbewältigung des Regisseurs. Nach 43 Jahren Ehe starb 2017 seine Ehefrau Carolyn und 2020 seine Schwester Denise, die an fast all seinen Filmen für die Kostüme zuständig war. Das er sich in vielen Phasen des Films selbst meint, sieht man allein an der Gestaltung von Hauptdarsteller Vincent Cassell, der dem Regisseur im Film einfach ähnlich sieht. Sogar die Sprechweise könnte passen. Dennoch ist der Film im Gewand eines Mystery-Thrillers verpackt, ohne darauf das Hauptaugenmerk zu legen. Es geht also primär nicht um einen Knalleffekt bei einer etwaigen Auflösung, oder sonst etwas aus dem konventionellem Filmbereich, denn diese Dinge stehen eher für Metaphern. Sie haben eine Bedeutung innerhalb der Trauerbewältigung, sofern diese möglich ist. David Cronenberg hat hier also mit Sicherheit seinen persönlichsten und intimsten Film abgeliefert, der, sofern man sich mit seinem Leben und seinem Gesamtwerk ein wenig auskennt, auch beim Zuschauer Spuren hinterlassen wird. Sofern man sie für sich selbst deutet, denn auch hier sagt uns Cronenberg nicht, wie wir die Dinge zu beurteilen haben.
Die Atmosphäre des Films ist gigantisch und persönlich hat es mich sehr gefreut, dass in seinem wahrscheinlich letzten Film, auch wieder seine langjährigen Wegbegleiter Howard Shore und Carol Spier dabei waren. Die Musik von Howard Shore passt perfekt und bewegt sich in elektronischen Ambient Gefilden, die die Bilder genüsslich darin eintauchen lassen. Carol Spier hat abermals ein Design hingelegt, dass man nur Staunen kann. Der beim Dreh 81-jährige Kanadier hat hier im Grunde nämlich einen ultramodernen Film hingelegt, mit einem Tesla Fahrzeug, was per Autopilot fährt und Handy Apps, die als künstliche KI, mit Recherchen beauftragt werden können. Sensationell fand ich auch Diane Krüger, die hier gleich 3 Rollen verkörpert und das macht sie wirklich ausgezeichnet. Einmal als verführerische Ehefrau, die splitternackt auch die Einschübe des Body Horrors trägt, dann wieder als die trauernde Schwester, die wirklich interessant angelegt wurde und schließlich noch als Avatar, welches im Handy die Aufgaben übernimmt. Dazu gesellt sich dann noch Guy Pearce, weshalb auch dieser Film wieder absolut spitzenmäßig besetzt ist.
Für mich persönlich ein grandioser Abschied einer Regie-Legende, was auch ein Grund war, weshalb mich der Film wirklich tief hineingezogen hat. Zumindest meinte David Cronenberg wohl selbst, dass dies wahrscheinlich sein letzter Film war. Falls ja, ist dies wirklich ein würdevolles Ende einer unfassbaren Karriere.