Marlowe
Privatdetektiv Philip Marlowe ist in seinem Büro, als eine attraktive Blondine hereinkommt und ihm einen Suchauftrag zu einer verschollenen Person erteilen will. Er übernimmt den Auftrag, findet allerdings recht schnell heraus, dass der Gesuchte bereits verstorben ist. Als er seine Auftraggeberin informieren will, teilt sie ihm mit, dass sie die offizielle Version kennt, allerdings davon überzeugt ist, dass er noch lebt und der Tote jemand anders ist.
Der Film aus dem Jahr 2022 hatte einen schweren Stand und selten findet man eine positive Rezension dazu. Das dürfte verschiedene Gründe haben und der Erste wird im Zeitgeist zu finden sein. Der Film wirkt nämlich, wie aus dem Rahmen gefallen. Relativ wenig Action, dafür fast schon überfrachtet mit vielen Namen und Zusammenhängen, sodass man tatsächlich aufpassen muss, um nicht den Anschluss zu verlieren. Nebenbei schauen und warten das etwas passiert, funktioniert bei dem Film nicht. Des Weiteren wird der Film wahrscheinlich bei Zuschauern nicht funktionieren, die sich erstmal die Frage stellen müssen, wer oder was Marlowe ist.
Wer aber mit dem film noir vertraut ist und sich zudem mit anderen Verfilmungen des legendären Schnüfflers beschäftigt hat, könnte hier viel Freude haben, denn er wimmelt vor Reminiszenzen. Spätestens wenn im Film dann noch ein wichtiger Koffer erwähnt wird, während die Stimme aus dem Off über Hitchcock spricht, merkt man, das hier mit sehr viel Liebe und großer Kenntnis gedreht wurde. Solche Dinge gibt es zuhauf. Als Marlowe von einem Polizisten gefragt wird, was er in einem brennenden Haus noch so vorfinden könnte, meint dieser in einem Nebensatz, dass dort eventuell ein maltesischer Falke sein könnte. Köstlich! Auch die Ausstattung liefert immer wieder tolle Hingucker, wie gegen Ende beispielsweise das Filmplakat zu "The Black-Eyed Blonde". Dies ist nämlich der Originaltitel des Buches, welches hier verfilmt wurde und das ist ein weiterer Clou. Dieses Buch stammt nämlich nicht von Raymond Chandler, dem Erfinder der Figur "Marlowe", sondern wurde erst 2014 von John Banville geschrieben, der hierzu das Pseudonym Benjamin Black verwendete. Der Schriftsteller ist ein riesiger Fan von Chandler und wurde von den Erben beauftragt, einen weiteren Marlowe Roman im alten Stil zu verfassen. Hierzu hatte er Zugang zu den Unterlagen des legendären Autors und fand eben diesen gewählten Titel in den Aufzeichnungen, als weiteres geplantes Buch von Chandler.
Als Marlowe wurde Liam Neeson gewählt, weshalb man vielleicht enttäuscht war, dass er hier einen alternden Detektiv spielt und in den wenigen Actionszenen erklärt, dass er dafür langsam zu alt wird. Also auch hier mit viel Augenzwinkern an der Rolle gefeilt. Als femme fatale wurde Diane Krüger gewählt, die diese Rolle mit sehr viel Leben und Charisma ausfüllt. Als ihre Mutter im Film gibt es einen ebenso tollen Auftritt von Jessica Lange. Regisseur Neil Jordan liefert dazu eine wunderbare film noir Atmosphäre auch wenn der Film nicht in schwarz-weiß gedreht wurde. Dafür wirken die Farben aber alle wie altes Hollywood und sorgen für eine wirklich angenehme Atmosphäre. Es ist jetzt kein Hochspannungskino, aber das war meines Erachtens auch nicht das Ziel. Der Plot ist zwar wirklich interessant und man ist immer wieder gespannt, wie es weitergeht aber dennoch überwiegen hier einfach andere Elemente. Ich habe mich im Film beispielsweise unglaublich wohlgefühlt. Es wirkte wie ein schöner Museumsbesuch, bei dem man sich Zeit lassen kann und man trotzdem gespannt ist, was es auf dem nächsten Gemälde zu entdecken gibt. Ich glaube aber das Vorkenntnisse um das komplette Metier, die Figur selbst und auch ein Faible dafür notwendig sind, um in "Marlowe" einzutauchen, denn er macht herzlich wenig Zugeständnisse an ein heutiges Publikum, welches sich mit der Vergangenheit bislang nicht beschäftigt hat.