Dark City

Russel Faraday

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AW: Dark City

Dark City

ein mann erwacht in einem schäbigen hotelzimmer. er liegt in einer wanne, hat keine erinnerungen an sich oder sonst etwas. im zimmer findet er eine frauenleiche, deren mörder er offenbar selbst ist. verwirrt und ziellos flieht der mann in die nacht hinein; hinein in eine stadt, in der es keinen tag gibt. langsam findet er details über sich heraus, langsam tastet er sich in etwas hinein, das sein altes leben sein kann und stellt fest, dass in der stadt etwas nicht stimmt. dass etwas ganz gehörig nicht stimmt.

nach dem achtungserfolg „the crow“, der durch die tragik seiner entstehung für weltweites interesse sorgte, legte regisseur Alex Proyas in sein nächstes projekt viel herzblut und schuf mit „dark city“ einen interessanten filmhybriden zwischen kafkaeskem alptraum, thriller, science fiction und film noir. garniert mit glänzenden darstellern, gepackt in megadüsteres setting, und eine interessante/spannende geschichte oben als kirsche auf den genrekuchen gesteckt, kam ein düsteres meisterwerk heraus, das im kino leider nicht die verdiente anerkennung fand, während der thematisch recht ähnlich gelagerte „matrix“ rund ein jahr später das umsetzen konnte (zumindest in finanzieller hinsicht), was „dark city“ leider nicht vergönnt gewesen war.

der zuschauer begleitet den zunächst namenlosen mann, der bald herausfindet, dass er John Murdoch (perfekt besetzt mit dem charismatischen Rufus Sewell) heißt, auf einer odyssee durch die seltsame stadt, in der stete finsternis herrscht und die der zeit völlig entrückt zu sein scheint. optisch, technisch und modisch ist die welt in der stadt irgendwo in den 50ern oder 60ern stehengeblieben, Murdochs welt hat sich „nicht weitergedreht“, wie man in einer von mir heißgeliebten, monumentalen romanserie sagen würde. alles auf stillstand, alles auf warteschleife. seltsame fremde bevölkern die stadt und führen finsteres im schilde, wie wir bald herausfinden werden: auf der suche nach der menschlichen seele, nach der essenz dessen, was es bedeutet, menschlich zu sein, gestalten sie die stadt jede nacht um, erschaffen neue gebäude, neuen raum und versehen die einwohner mit immer neuen erinnerungen, um ihre reaktionen zu beobachten. auch John Murdoch ist oft ein opfer der fremden gewesen, bei einem verpatzten versuch, ihm eine neue identität aufzuprägen, ist er jedoch aufgewacht und hat sein gedächtnis verloren. an ihm wollten die fremden beobachten, ob ein mensch, der die erinnerungen eines mörders hat (die tote im hotelzimmer) auch selbst zum mörder wird, oder ob eine person mehr ist als die summe ihrer erinnerungen.

inhaltlich lassen sich deutliche parallelen zu Ridley Scott „blade runner“ ziehen, in dem man auch den philosophischen gedanken nachging, was einen menschen zum menschen macht. in „dark city“ bekommt das kind denn gleich auch einen namen: die fremden suchen nicht weniger als die seele, denn mit diesem konzept sind sie nicht vertraut, und sie pervertieren ihre suche, indem sie die ganze stadt zu einem riesigen gefängnis gemacht haben, in dem jedermann schon so viele falsche erinnerungen bekommen hat, dass niemand mehr sagen kann, wer er wirklich ist.

dies erkennt John Murdoch langsam, dies haben andere schon vor ihm erkannt, denn manchmal wacht jemand auf und erlangt erkenntnisse, die nicht gesund für ihn sind, denn man erkennt nicht nur den verrat, den die fremden an der menschlichen identität begehen, sondern sieht sich auch mit der ohnmacht konfrontiert, nichts dagegen unternehmen zu können. so bleibt der ausweg aus dem wissen, dass man keinen freien willen hat, nur der tod. bei John jedoch ist es anders. er hat nicht nur wissen, er hat auch bemerkenswerte fähigkeiten, die denen der fremden zunächst ähneln, ihnen aber bald überlegen sind: er kann tunen, kann jenen vorgang ausführen, mit dem die fremden die stadt kontrollieren und wieder und wieder umgestalten.

die darsteller sind hervorragend besetzt: neben dem im laufe der jahre ziemlich untergegangenen Rufus Sewell wissen die bildschöne Jennifer Connelly (damals noch auf kampfgewicht) als seine ehefrau Emma und der etwas melancholisch wirkende William Hurt als polizist zu überzeugen, die beide ihre rolle hervorragend ausfüllen und eigentlich nur noch von Kiefer Sutherland als verschrobenem Dr. Schreber übertroffen werden, der als helfershelfer der fremden fungiert und unter ihrer aufsicht die falschen erinnerungen zusammenstellt, die den opfern mit einer spritze direkt ins hirn injiziert werden.

die optik ist beeindruckend, hat starke expressionistische züge, und auch die effekte wissen größtenteils zu überzeugen. auf der leinwand zu erleben, wie die fremden die stadt gestalten, das hat was. da kann man den einen oder anderen schwächeren effekt verzeihen.

ebenso sollte die musik von Trevor Jones erwähnt werden, die fast immer zu hören ist und den film permanent in bewegung hält, auch wenn einmal nicht besonders viel los ist und man sich an der visuellen kraft ergötzen kann, die der film zu jeder zeit aufweist.

„dark city“ ist dunkel, düster und pessimistisch. das vermeintliche happy end ist eigentlich keines. unzählige details und anspielungen, hintersinnige gedanken und symboliken (im DC kommt vor allem das motiv der spirale deutlicher heraus, das in der kinofassung nur eine untergeordnete rolle spielt; die abwärtsspirale, aus der es keinen ausweg gibt) lassen den film bei jeder sichtung etwas anders erscheinen, da man immer wieder auf kleinigkeiten stößt, die einem bislang vielleicht entgangen sind. der name ist programm. „dark city“ ist dark, einer der vielleicht dunkelsten filme überhaupt und sicher nicht jedermanns sache. doch wer einmal in die stadt gefunden hat, der wird sie gar nicht mehr verlassen wollen... oder können?
 

Deprave

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AW: Dark City

Das hört sich ja ganz gut an, der wandert auf meinen Wunschzettel, Danke dafür! Habe den Titel glaube ich in letzter Zeit öfter mal in Verbindung mit Inception gehört wenn ich mich nicht ganz täusche...klingt auf jeden Fall sehr Interessant!

mfg
 

kelte

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AW: Dark City

Dark City hatte mich damals überrascht, denn das war einer der Filme die ich ohne Vorwissen geschaut hatte. Und ich war richtig verblüfft das so ein Film keinen grossen Bekanntheitsgrad besaß (das ist jetzt schon einige Jahre her)
ein Film den mal wirklich öfters sehen kann,- deine Kritik bringt alles auf den Punkt was ihn so hervorragend macht :hoch:
 

2moulins

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AW: Dark City

Mit Wonne las ich gerade die tolle Kritik! :hoch: Denn just gestern abend lag die Scheibe bei mir auch im Player, und ich war von der ersten Minute an begeistert von dem Film, allein schon aufgrund der Atmo und der düsteren Machart. Auch die Schauspieler, Musik und alles andere 'was Du ausgiebig erläutert hast gefielen.... Hat echt Spaß gemacht, den Film endlich 'mal zu sehen.
 

deadlyfriend

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AW: Dark City

Ich liebe diesen Film! Er hat fast alles was ich gerne sehe in sich vereint. Besonders die Sci-fi Elemente gepaart mit dem "Film noir" ist besonders hervorzuheben. Diese Mischung ist jetzt nicht gerade sehr oft anzutreffen aber absolut gelungen. Beosnders als Jennifer Connelly (ich liege ihr seit knapp 25 Jahren zu Füßen) im Nachtclub singt, gehen mit einem die "noir" Gäule durch. Hammer!

Zu der Rezension von Russel kann man aber kaum was hinzufügen. Absolut auf den Punkt gebracht was den Film so einzigartig macht. Was ich auch heute noch bemerkenswert finde ist der Bekanntheitsgrad. Gerade wegen der Besetzung und Proyas hatte ich damals wesentlich mehr Rummel erwartet, aber der ist ausgeblieben. Wie bei uns ja auch zu lesen war, sind hier im Forum die Besitzer der Scheibe deutlich in der Unterzahl. Kaum zu verstehen wenn man die Qualität bedenkt und er doch auch genügend Mainstream Faktoren aufbietet. Trotzdem ist er thematisch nicht ausgelutscht und bietet vollkommene Abwechslung. Zudem kann man ihn sich immer wieder ansehen ohne das er langweilt. Okay, ein paar Effekte sind nicht mehr so schön, aber das ist wirklich zu verschmerzen.
Die komplette Idee dahinter und auch die Umsetzung finde ich fantastisch.

Gerne hätte der Film aber eine halbe Stunde länger gehen dürfen und noch ein paar Hintergründe mehr beleuchten. Bei einigen Dingen fehlen mir Informationen. Woher hat John die Kräfte und warum sind sie so stark ausgeprägt? Nach welchem Schema wird geprägt? Einige scheinen ihr Leben ja über einen längeren Zeitraum zu behalten. Wie funktioniert dann das Zusammenleben mit anderen Personen, die man eventuell eher zufällig trifft. Der eine hat eine Neues Leben, während sein gegenüber noch das Alte besitzt. Da fehlen mir noch ein paar logistische Details;)

Egal, der Film ist ein Hammer!
 

Russel Faraday

Filmvisionaer
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AW: Dark City

[...]Beosnders als Jennifer Connelly (ich liege ihr seit knapp 25 Jahren zu Füßen) im Nachtclub singt, gehen mit einem die "noir" Gäule durch. Hammer! [...]

im DC singt sie übrigens selbst, während in der KF ein gesangsdouble aktiv wurde.

1998-Jennifer-Connelly-525x786.jpg
:sabber:
 

dax

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AW: Dark City

Tolle Kritik zu einem genialen Film, welchen ich leider schon viel zu lange nicht mehr gesehene habe.
Ich habe den damals auch ohne Vorkenntnisse und eher per Zufall gesehen und war ab der ersten Minute begeistert.
 

TheBjoern

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AW: Dark City

Wenn Dark City nicht der Monatsfilm geworden wäre, wäre dieser Film noch viele Jahre von mir ungesehen geblieben. Das war das erste erste Mal, dass ich mir aufgrund des Monatsfilms eine DVD zulegte, um mitreden zu können. Den Kauf habe ich nicht bereut. Dark City ist, wie bereits von Russel beschrieben, ein sehr gut gelungener Genremix. Dabei bleibt die Dunkelheit als Fundament erhalten, auf den alle Genre ihren Platz finden.
Besonders die Dunkelheit hat es mir angetan. Angefangen mit der Tatsache, dass es in der Stadt keinen Tag gibt, dann die triste Farbgebung der Kleidung, Straßen, Gebäude (die mich im sehr an Metropolis erinnerten) und die Enge der Staßenzüge im Kontrast zu den hohen Gebäuden lassen eine unfassbar beklemmende Stimmung aufkommen.

[...]Gerne hätte der Film aber eine halbe Stunde länger gehen dürfen und noch ein paar Hintergründe mehr beleuchten. [...]

...aber die Dunkelheit geht auch inhaltlich weiter. Die Einführung des Films, lässt den Zuschauer ersteinmal völlig im Dunkeln. Keine erklärenden Worte, die in Form eines Schriftzugs über den Bildschirm wandern, um die Welt zu erklären, in der wir uns befinden. Das sollen wir schließlich selber herausfinden. Die Findung der Warheit wird uns dabei nicht einfach gemacht. Schuld daran ist der sehr gut gelungen Genremix, der uns erst glauben lässt in einem Saw-Film gelandet zu sein (Ich kannte nunmal zuerst Saw) und später in einem Krimi, der nur so von Detektivarbeit im Noirstile strotzt. Anders, als bei Bladerunner bei dem der Genremix zwischen Noir und SiFi recht schnell klar wurde, weil man schon sehr bald die ersten fliegenden Autos auf dem Schirm hatte, ließ uns hingegen Dar City vorerst mit dem Wissen um ein Science-fiction-Film im dunkeln. Erste Verdachtsmomente kamen, als einer von den Grauen bei der Flucht getötet wurde und so ein setsames Viech aus seinem Kopf wandert; doch wollte ich nicht ahnen welche Außmaße die Warheit tatsächlich annahm!

Um auf Deadlys Wunsch zurückzu kommen den Film mehr auszuleuchten und seien es noch so detailverliebte Logiklöcher oder Unissenheiten über die Kräfte, die dort wirken, so würde ich behaupten, dass der Film in seiner Machart nicht mehr konsequent wäre, wenn er diese Feinheiten ins helle Licht transportieren würde.
Lieber tappe ich zum Schluss noch ein wenig im dunklen, als die totale Erleuchtung zu erlangen.

Die Spezial-Efeckte sind Fluch und Segen zugelich. Wobei mehr Segen als Fluch vorherrscht. Dass diese Efeckte schon mehr als angestaubt waren, lässt sich nicht leugnen. Besonders die Telekinese-Kräfte, die aus dem vorderen Stirnlappen zu kommen scheinen, hatte noch nie die besseren Zeiten gesehen und waren leider zum FInale hin mehr als peinlich gut gemeint. Das war der Fluch. Der Segen dieser minimalistischen Efeckte entpuppt sich bei der Verwandlung der Stadt. Diese war einfach nur gandios anzusehen. Ein hochauflösende mit physikalisch korrekten detailverliebten CGI hätte man den Eindruck völlig zerstört und hätte auch nicht zum Film gepasst.

Doch sind die Effekte nur zweit- oder gar drittrangig, so ist die eigentliche Thematik des Films doch eher das tragende Element und die wusste sehr wohl zu überzeugen Nicht zuletzt von den gut gecasteten Schauspieler-Regieme, das es schafft jede Rolle glaubwürdig zu meistern. Sogar Jack Bauer Kiefer Sutherland als verschrobener schmächtiger, hinkenden Doktor der Psychologie. Klasse!

7/10
 

Willy Wonka

Locationscout
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AW: Dark City

Die Spezial-Efeckte sind Fluch und Segen zugelich. Wobei mehr Segen als Fluch vorherrscht. Dass diese Efeckte schon mehr als angestaubt waren, lässt sich nicht leugnen. Besonders die Telekinese-Kräfte, die aus dem vorderen Stirnlappen zu kommen scheinen, hatte noch nie die besseren Zeiten gesehen und waren leider zum FInale hin mehr als peinlich gut gemeint. Das war der Fluch. Der Segen dieser minimalistischen Efeckte entpuppt sich bei der Verwandlung der Stadt. Diese war einfach nur gandios anzusehen. Ein hochauflösende mit physikalisch korrekten detailverliebten CGI hätte man den Eindruck völlig zerstört und hätte auch nicht zum Film gepasst.

Für mich waren die Effekte nur Segen und kein Fluch, denn für mich hat alles gestimmt. Selbst die Computeranimation wirkte nicht so schlecht, weil sich das meiste im Dunkeln abgespielt hat. Die wahren und genialen Effekte waren aber die Miniaturen und generell die Ausstattung des Films. Und man bedenke, dass der Film nicht mehr als 30 Millionen US-Dollar gekostet haben soll!
Proyas erzählte eine interessante Geschichte in einer faszinierenden Optik. Stil mit Substanz!

Nach dem Film wurde mir wieder einmal bewusst, dass in den 1990er Jahre eine Hochkonjunktur von Science-Ficiton-Filme herrschte.

Beim expressionistischen Stil des Films haben sich die Macher übrigens von dem Künstler Gustav Doré und dem Polizeifotografen Weegee inspirieren lassen.

Sogar Jack Bauer Kiefer Sutherland als verschrobener schmächtiger, hinkenden Doktor der Psychologie. Klasse!

Die Rolle wurde zunächst für Ben Kingsley geschrieben, aber diese hat anscheinend abgehlent und so konnte Kiefer Sutherland seine Chance wahrnehmen, welcher meiner Meinung nach auch vollkommen überzeugte. Tja.. und heute scheint es so, dass Kingsley jede Rolle annimmt.
 

deadlyfriend

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Auch diesen Film habe ich mir mal wieder angesehen. Eigentlich wollte ich ja warten bis der DC auf Blu Rayerscheint aber da passiert einfach nichts. Zumindest nicht in Deutschland.
Trotzdem hat er mir wieder sehr gut gefallen, auch wenn einige Effekte noch angestaubter wirken. Egal, inhaltlich mag ich ihn nach wie vor. Die Geschichte und ihre Welt fasziniert mich immer noch.
 
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