Crimes of the Future
Saul Tenser und seine Partnerin Caprice sind Performance Künstler einer ganz besonderen Art. Ihm wachsen nämlich seltsame Organe, deren Funktion man nicht kennt und diese lässt er sich vor Publikum entfernen. Im wachen Zustand, da sein Schmerzempfinden stark reduziert ist. Es gibt aber auch noch die Kunst sich Organe tätowieren zu lassen, was das Publikum als Unterhaltung ansieht. Ein neues künstlerisches Projekt sieht vor, eine Autopsie an einem 8-jährigen Mordopfer durchzuführen, da man spannende Ergebnisse bei den Organen erwartet, da er sich von Plastik ernährt hat.
Ja, das klingt alles wirklich völlig abgefahren, aber das trifft es nicht einmal im Ansatz. Im Grunde sehen wir hier ein Potpourri aus der Geschichte von David Cronenberg. Hier sind eine Menge Selbstzitate untergebracht. Natürlich erkennen wir eine Menge aus "eXistenZ", was sich in der Ausstattung und den technologischen Fortschritten dieser Welt spiegelt. Vielleicht sind wir aber auch in einem "Spin Off" des Spiels, denn schließlich schrieb Cronenberg das Drehbuch bereits Ende der 90er Jahre. Das wäre dennoch die falsche Herangehensweise an den Film, denn von dessen Narrativ ist er ganz weit weg. "Crimes of the Future" ist sehr schwer zugänglich und hat dies mit "Crash" und "Cosmopolis" gemeinsam. Also Filme die mit C wie Cronenberg beginnen, aber dies ist nur eine eher augenzwinkernde Wahrnehmung. Allein die seltsamen Kulissen und Sets sind im Kontext eines Sci-fi Films völlig wirr. Die wirken nämlich so, als wenn die 70er oder 80er Jahre keine Weiterentwicklung hatten. Man sieht Röhren-Fernseher und Wanduhren, die eben einfach nach dieser Epoche aussehen. Nur eben ziemlich vergammelt wie auch die Gebäude. Innen wie außen. So als ob es lediglich eine seltsame Evolution im Inneren des Menschen gibt und man keinerlei Interesse mehr an den sonstigen Dingen des Planeten hatte. Dort liegen einfach Schiffswracks im Hafen und im Mittelmeer, die niemand interessiert. Dies könnte natürlich eine Allegorie auf Hier und Jetzt sein, dass man sich hauptsächlich dafür interessiert, was es Neues im Unterhaltungssektor gibt, da man ansonsten eher von Allem gelangweilt ist. Nur das Neue zählt, sofern es in einer extremen Form vorzufinden ist. Ich kann mich allerdings auch irren, da Cronenberg wie so oft dem Zuschauer nicht sagt, was er dabei zu denken hat. Ich habe es für mich in dieser Art gelesen.
Zusätzlich sind viele Dinge eingebaut, die Cronenberg schon früher thematisierte, ohne sie mit dem Vorschlaghammer zu verwenden. Erinnerungen an "Die Unzertrennlichen" werden wach, da hier natürlich chirurgische Eingriffe vorhanden sind, aber auch "Die Fliege" (Nahrung zersetzen) wird innerhalb eines Dialogs erwähnt oder aber "Scanners" bzw. Stereo" (Telepathie), wie auch "Naked Lunch" (Agenten). Wenn man sich mit seinem Gesamtwerk auskennt, kann das nützlich sein. Der namensgleiche Film von Cronenberg, den er 1970 gedreht hat, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bezüglich der Grundidee, auch wenn dies im Netz fälschlicherweise anders dargestellt wird.
Nichtdestotrotz bleibt der Film, den er nach einer 8-jährigen Pause erschaffen hat, ein schwerer Happen und wahrscheinlich am interessantesten, wenn man mit seinen Welten etwas tiefer vertraut ist. Einen echten Spannungsaufbau, der auf ein großes Finale steuert, gibt es hier nicht. Action auch nicht, dafür eine seltsame morbide Atmosphäre. Wer sich den Film nur anschaut, weil Viggo Mortensen und Kristen Stewart mitspielt, wird fassungslos, spätestens nach der Hälfte, kapitulieren. Ich hatte sehr viel Freude am Film, auch wenn er es in meiner Cronenberg-Wertung, nicht nach ganz oben schaffen wird.