Armee im Schatten

Tarantino1980

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Armee im Schatten
Frankreich im Jahr 1942. Philippe Gerbier, ein Aktivist der französischen Widerstandsbewegung, wird inhaftiert und soll dort Hintermänner und Ziele verraten. Doch kommt es dazu?

Jean-Pierre Melville beschäftigte sich im Jahr 1969 mit einem recht bekannten Thema, welches zwar auch in der Filmwelt häufig vertreten ist, ich aber so noch nie inszeniert gesehen habe! Anders als üblich ist man hier als Zuschauer anfangs total im Ungewissen über Hintergründe und wer dieser Philippe eigentlich ist. Man bekommt keine Rückblenden zu sehen und auch keine Stimme aus dem Off die einen häppchenweise eine Vorgeschichte erzählt. Stattdessen erfährt der Zuschauer mit jeder weiteren Filmminute nur sehr spärlich etwas mehr. Eine Art der Inszenierung die sich durch den ganzen Film zieht und ich persönlich einfach nur genial finde. Der Stil von Melville ist wahrlich phänomenal gewesen. Anders als jeder andere Regisseur versteht er es die Geschichte nur mit Bildern und Handlungen der Protagonisten voranzutreiben, ohne weit ausschweifende Dialoge oder eben großartige Erklärungen im Film. Gerade bei vielen aktuellen Filmen bekommt der Zuschauer nicht nur die Handlung auf einem Silbertablet serviert, nein eben besagtes Silbertablet wird auch zusätzlich noch mit einer leuchtenden Neon Reklamme angestrahlt, damit auch der letzte jeden noch so kleinen Beweggrund und Storyplot versteht. Zum Glück sind nicht alle aktuellen Produktionen so, leider jedoch einige. Anders die Filme von Melville. Gerade Armee im Schatten zeigte mir diese Art der Inszenierung sehr deutlich auf! Man bekommt als Zuschauer wieder sehr gute Szenen geboten. Die Settings sind nicht nur authentisch sondern einfach nur perfekt fotographiert.

Was ich besonders an seinen Filmen, insbesonere nun diesem Film, schätze ist eben genau diese Art der Geschichtenerzählung. Man muss als Zuschauer am Ball bleiben. Jeder kurze Abwesenheit, gedanklich wie auch körperlich, würde dazu führen das man eventuell genau den entscheidenden Hinweis bzw. Storyverlauf verpassen würde. Im Grunde sind seine Filme perfekt für jede Filmanalsyse geeignet, den jede Unachtsamkeit wird bestraft. Gerade für die Generation derer die während eines Filmgenusses parallel noch andere Dinge tun, wie z.B. mit dem Smartphone sich zu beschäftigen, würden vieles verpassen und auch schnell, so meine Meinung, nicht mehr den Anschluss finden. Was mir bei Armee im Schatten auch sehr gut gefallen hat, anders wie in vielen anderen zweiter Weltkriegsfilmen, ist nicht einmal das Wort Nazi oder sonstiges, was man mit der NS Zeit verbindet, gefallen. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, das jüngere Filmfreunde, welche sich vielleicht noch nicht sehr mit diesem Kapitel der Geschichte beschäftigt haben, lange Zeit garnicht so recht wissen was es mit diese "Résistance" so auf sich hat und was genau die Beweggründe von Philippe und seiner Gruppe sind. Genau diesen Aspekt der Inszenierung fand ich hier nicht nur äußerst spannend sondern eben auch einzigartig. Wie bereits erwähnt erfährt man nur in Happen etwas mehr über das große Ganze, aber man muss auf viele kleine Details achten und vorallem muss man auch diese Zeitepoche kennen. Wer hier auf die Auflösung wartet bzw. auf die Darlegung des "Masterplans" wird nämlich in Armee im Schatten vergebens auf sowas warten. Man befindet sich innerhalb kürzester Zeit mitten im Geschehen und erfährt nur durch Handlungen und Gegebenheiten mehr über die Geschichte. Die Dialoge im Film dienen selten dazu um die Story voranzutreiben und sind sehr gut platziert. Keiner der Hauptcharaktere führt einen langen Monolog oder eine so tiefe Konservation das man dieser nur gebannt lauschen könnte ohne auf die dazu gehörigen Bilder zu achten. Eine Art der Inszenierung die, zumindest für mich, überwältigend ist!

Der Cast des Films hat mir auch ausgesprochen gut gefallen. Allen voran natürlich Lino Ventura, der hier eine absolute Traumbesetzung für mich ist. Er spielt die Rolle des Philippe Gerbier einfach perfekt. Aber auch Jean-Pierre Cassel oder Simone Signoret haben wirklich einen tollen Job abgeliefert. Jedoch muss ich sagen das für mich definitiv die Art der Inszenierung diesen Film so besonders macht. Der Cast ist gut keine Frage, aber es gab für mich keine Rolle mit der ich mich zu 100% identifizieren konnte und mit der man so den Film über mitgefiebert hat. Es ist eine komplexe Handlung die ohne großen Einzelcharakter auskommt, dafür aber viele kleine Elemente besitzt die es nie langweilig werden lassen.

Hier ist es schwierig eine klare Empfehlung auszusprechen. Klar jeder der Jean-Pierre Melville kennt und diesen Film noch nicht gesehen hat, sollte dies umbedingt schnellstmöglich nachholen. Vielleicht gefällt er aber auch dem ein oder anderen der gerne Filme aus der Zeitepoche der Resistance schaut, wobei ich diese Empfehlung nur sehr vorsichtig erwähne, da man hier keinen genretypischen Film erwarten darf. Da der Film aber auch in einem ganz anderen Genre spielt, darf man hier auch keinen Kriminalfilm erwarten oder einen Film Noir. Dennoch ein Film den jeder der bisher nur Vier im Roten Kreis kennt, auch mal gesehen haben sollte

Wertung: 10/10
 
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