Memento

Dieses Thema im Forum "Kurzkritiken und Diskussion" wurde erstellt von Agent Orange, 13. Januar 2011.

  1. Agent Orange

    Agent Orange Tonmeister Mitarbeiter

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    Gesamtübersicht aller Kritiken zu Memento

    #2 13.01.11 Agent Orange
     
  2. Agent Orange

    Agent Orange Tonmeister Mitarbeiter

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    Memento


    ACHTUNG, die folgende Kritik enthält Spoiler über Handlung und Erzählweise des Films!

    Lange war es her, als ich den zweiten Film von Christopher Nolan zum ersten und bis dato letzten mal sah. Ich weiß noch genau welchen Hype den Film damals schon umgab, aufgrund der sehr unkonventionellen Erzählweise. Umso erfreuter war ich, als ich eher zufällig entdeckte, dass er wieder im TV ausgestrahlt wurde.

    Der Film beginnt mit einer Tötungssequenz dessen „Ergebnis“ mit einer Polaroid-Kamera festgehalten wird. Das Intro gibt hierbei durch die umgekehrte Reihenfolge direkt die Richtung an, die der Film einschlägt. Das farbige Polaroid-Foto wird blass, wird in die Kamera gezogen, Patronenhülsen, die eben noch auf dem Boden lagen, fliegen in umgekehrter Richtung wieder in die Pistole, aus der im nächsten Moment der Schuss zu sehen ist.

    Worum geht es überhaupt? Es geht um den Angestellten Leonard, der eines Nachts durch ein Geräusch erwacht und entdeckt, dass seine Frau in den Fängen eines maskierten Mannes in seinem Badezimmer ist. Durch einen Kopfschuss kann er diesen ausschalten, wird aber im nächsten Moment, von einem zweiten Maskierten, niedergeschlagen. Ab dieser Stelle leidet Leonard am Verlust seines Kurzzeitgedächtnisses, das letzte woran er sich erinnern kann ist der Tod seiner Frau und einer Tätowierung mit dem Hinweis auf den zweiten Einbrecher, „John G:“
    Mit Hilfe dieses Hinweises will er nun versuchen dem Täter auf die Spur zu kommen um sich zu rächen. Um einen Ablauf in sein Leben zu bringen beginnt er nun sich alle relevanten Informationen aufzuschreiben, als eigens beschriftete Polaroid-Fotos zu sammeln oder sich wichtige Fakten auf seinen Körper zu tätowieren (lassen).

    Klingt alles recht einfach, ist es im Prinzip auch, damit Leonard aber nicht alleine ist mit seiner anterograden Amnesie, darf der Zuschauer durch die ungewöhnliche Erzählweise an seinem Leiden teilhaben.
    So beginnt der Film nach dem beeindruckenden Intro mit einer Schwarz-Weiß-Szene, in welcher Leonard mit einem unbekannten Anrufer über seinen früheren Job spricht. Seine Aufgabe war es, für eine Versicherung sogenannte Versicherungsbetrüger zu entlarven. Er berichtet von einem Mann, welcher ebenfalls unter dem Verlust seines Kurzzeitgedächtnisses leidet, sowie dessen Frau, welche mit der Krankheit ihres Mannes nicht zurecht kommt.

    Diese Schwarz-Weiß-Szenen erstrecken sich bis zu einem ganz bestimmten Punkt des Films, und laufen bis dorthin chronologisch ab. Diese Szenen sind über den gesamten Film verteilt eingestreut und geben in den Telefongesprächen die Erinnerungen von Leonard wieder.
    Im Gegensatz dazu stehen die Farbszenen, welche die eigentliche Geschichte des Filmes erzählen, diese ergeben auf den ersten Blick keinen Sinn, sieht man hier doch eine Aktion, von welcher man überhaupt nicht weiß, warum sie überhaupt passiert, was der Auslöser, was die Vorgeschichte dazu ist. Zumindest bis zur nächsten Szene, welche direkt vor der vorangegangenen spielt, und exakt an der Stelle aufhört, an der die vorangegangene Szene anfing.
    Durch diesen Kniff wird dem Zuschauer das gleiche Leiden vermittelt, welches Leonard mit seinen Zetteln, seinen Fotos und seinen Tätowierungen bezwingen will. Man ist genau wie er auf die spärlichen Informationen angewiesen, bis zum Schluss kann man sie nicht richtig zusammensetzen und deuten. Man bekommt es ständig mit zwielichtigen Gestalten zu tun, nie weiß man wirklich ob man diesen Personen trauen kann, oder nicht. Wähnt man sich in einem Moment noch sicher, was die Intentionen der anderen Charaktere angeht, so wirft die nächste Szene wieder alles über den Haufen. Dabei fällt auf, dass wir in jeder Farbszene einen Gedächtnisverlust von Leonard miterleben, welcher circa in der Mitte der Szene stattfindet.

    Diese beiden Erzählweisen wechseln sich bis kurz vor Ende des Films immer wieder ab. Das Finale beginnt nun mit einer Schwarz-Weiß-Szene, Leonard beendet das Telefongespräch und macht sich auf den Weg den Mörder seiner Frau zu schnappen. Er erschlägt nun den mutmaßlichen Mörder und knipst zur Erinnerung mit seiner Kamera ein Foto der Leiche. In dem Moment, in dem sich das Polaroid-Foto quasi selbst entwickelt wechselt die Szenerie zum Anfang der Farbszenen, optisch dargestellt durch den sanften Übergang von Schwarz-Weiß zu Farbe.
    In diesem Moment ist das Kapitel abgeschlossen und für Leonard beginnt ein Neues, das Kapitel, dessen Ende wir bereits im Vorspann zu sehen bekamen.

    Fazit
    Ein großartiger Film, der zwar im ersten Moment verwirrt, bei genauerer Betrachtung aber in sich vollkommen schlüssig ist. Man fiebert mit Leonard mit, will dem Geheimnis auf die Spur kommen. Durch die geschickte Erzählweise kann man sich wunderbar in die Hauptfigur versetzen.
    Ein Film, der meines Erachtens zu Recht den 1. Preis beim Sundance Film Festival gewonnen hat, sowie für den Oscar und den Golden Globe in der Kategorie „Bestes Originaldrehbuch“ nominiert war.

    9/10
     
    Zuletzt bearbeitet von Tarantino1980 - 2. April 2016
  3. Firefly

    Firefly Filmvisionaer

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    Tolle Kritik zu einem überragenden Film.
    Was Nolan hier auf die Beine gestellt hat, ist schier unglaublich.
    Ein Film, wo man keine Sekunde unachtsam sein darf, da man sonst sofort mit Unwissen der nächsten Szene bestraft wird.
    Die Rückwärtserzählweise verlangt dem Zuschauer höchste Konzentration auf.

    Kann mich noch erinnern, als er in die Kinos kam, soielte es ihn in genau 2 (!!) Wiener Kinos.
    Und selbst da waren wir am 2. Tag mit 5 anderen Leuten drin :huh:

    Aber für mich war er ab da ein Absoluter Liebling, ich verehre diesen Film sehr.
    Leider aber ist es kein Film für Zwischendurch. man muss die richtige Stimmung, Zeit und Lust haben.
    Denn der Kniff mit der chronologischen Abfolge des Films ist für mich undenkbar ( Hidden Feature auf DVD ! )

    absolut 10/10, kein kompromiss für mich :hoch:
     
  4. Despair

    Despair Filmvisionaer

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    Erstklassige Kritik. :hoch: Auch wenn ich den Film etwas anders sehe...

    Dieses Mitfiebern ist bei mir nicht aufgekommen. Guy Pearce alias Leonard hat mich nicht überzeugt - er war irgendwie viel zu gut drauf für einen Mann mit Gedächtnisverlust, der den Mord an seiner Frau rächen will. Das ständige Herumhantieren mit den Fotos hat mich genervt, die eintätowierten "Merkzettel" fand ich unrealistisch bis doof. Man hätte die ganzen Infos ja auch auf CD brennen und ein paar Backups zur Sicherheit machen können, anstatt wie ein lebendiges Notizbuch herumzulaufen. Ebensowenig hat Carrie-Anne Moss einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Am besten gefallen hat mir Joe Pantoliano, der schön schmierig-suspekt rüberkam.

    Mein Blick wanderte beim Anschauen recht bald zur Uhr, und ich musste feststellen, dass gerade mal eine halbe Stunde des Films vergangen war. Aufgrund der sich schleichend ausbreitenden, gepflegten Langeweile, habe ich irgendwann den Faden verloren und musste mich bis zum Ende regelrecht durchquälen. So ähnlich ging's mir schonmal bei "Zodiac", den ich bei der Zweitsichtung viel besser fand. Vielleicht wird das bei "Memento" auch so sein. Mal sehen...
     
  5. Count Dooku

    Count Dooku Walk of Fame

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    AW: Memento

    Hätte nicht funktioniert, da Lenny den Daten vermutlich nicht vertraut hätte. Er hat nur noch den Tätowierungen und mit seiner eigenen Handschrift geschriebenen Notizen geglaubt.

    Eigentlich hätte Leonard in eine Klappse gehört. Im Film hat man sehr gut gesehen, was für eine Gefahr er für sich selber und andere werden kann.
     
  6. Agent Orange

    Agent Orange Tonmeister Mitarbeiter

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    AW: Memento

    Dankeschön :kiss:

    Rein aus Neugierde würde ich es gerne mal sehen, damit würde dem Film allerdings auch wirklich alles genommen werden.

    Danke, und es sei dir verziehen ;)

    Klar, das ist natürlich die Voraussetzung bei so einem Film, wenn man da nicht allerspätestens binnen einer halben Stunde drin ist, ist es vorbei. Aber Joe Pantoliano hat mir auch am besten gefallen :hoch:

    Wie oben schon geschrieben, wenn der Funke nicht überspringt, man sich quälen muss, und dann evtl noch abschaltet kann der Film nur verlieren. Mir ging es zuletzt bei Synecdoche NY so, der hat mich so dermaßen gelangweilt dass ich auch binnen kürzester Zeit abgeschaltetund den Faden verloren hab. Hatte zwar noch 1-2 Vermutungen, die sich anscheinend auch als richtig herausgestellt hatten, aber das war mir nix.

    Das denke ich auch, deswegen hat er sich besonders wichtige Infos, die Fakten, ja auch auf seinen Körper tätowieren lassen. Einer Datei hätte er sicherlich nicht getraut. Überzogen war die Geschichte aber allemal, das ist klar. Ist mir aber nie im negativen Sinne aufgefallen.

    Definitiv, hat man ja dann auch deutlich am Ende gesehen bzw am Anfang gesehen.
     
  7. Der müde Joe

    Der müde Joe Filmstar

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    AW: Memento

    Als ich Memento damals gesehen habe war ich begeistert und habe ihn mir auf der DVD danach sofort noch in der chronologischen Abfolge angeschaut und das war für mich definitiv kein Fehler. Da sind mir noch einige Kleinigkeiten aufgefallen, denen man in der richtigen Reihenfolge vorher wenig Bedeutung gegeben hatte. Danach fand ich den Film noch besser als er sowieso schon für mich war. (Vorher 10/10, Nachher 10/10 mit * :D)
     
  8. Turrican

    Turrican Guest

    AW: Memento

    Ich glaub Memento ist der einstigste Film bei dem man die zufalls wiedergabe machen kann und der Film dadurch immer besser wird.
    Bei jeden anschauen hat man ein neuen Film und das ist einzigartig.
    Für mich einer der besten Filme der letzten jahre da er nie vorhersehbar ist.
    (10/10)
     
  9. Tarantino1980

    Tarantino1980 Screenplay Mitarbeiter

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    AW: Memento

    Es ist lang her das ich dieses Meisterwerk von Christopher Nolan das letzte mal gesehen hatte. Bei der Erstsichtung hat mich dieser Film absolut umgehauen und ab da war klar ich muss mehr über diesen Regisseur erfahren. Die Atmosphäre und Grundstimmung des Filmes ist einfach super. Er ist ein herrvorragendes Beispiel das gute Filme nicht immer großes Budget haben müssen um zu überzeugen. Eine sehr gute Story reicht vollkommen aus!

    Natürlich wäre der Film noch etwas besser geworden hätte ein Leonardo DiCaprio oder Christian Bale die Hauptrolle gespielt, aber es war immerhin erst Nolans zweiter Film, somit hatte er noch keinen großen Bekanntheitsgrad und von daher war er bestimmt froh überhaupt halbwegs bekannte Darsteller für dieses Projekt zu gewinnen. Heute würde sich natürlich Hollywoods erste Garde um eine Rolle in einem neuen Christopher Nolan Film reißen, aber damals waren diese Schauspieler nunmal das beste was er bekommen konnte und ich finde sie haben ihren Job recht gut gemacht.

    Memento
    ist ein Film den man immer etwas Zeit geben muss bis man sich an eine neue Sichtung herangibt. Ich glabue meine letzte sichtung war vor 3-4 Jahren und dadruch das ich auch nicht mehr alle Details der Storyline kannte war es eifnach schön diesen Film nochmal so zu sehen, ohn wirklcih alles zu wissen!

    So gerne ich Christopher Nolans Batman Interpretationen auch mag, so sehr hoffe ich auch das er zukünftig auch nochmal solche kleienn aber sehr feinen Filme dreht die seine ganz persönliche Handschrift tragen.

    Wie hier schon mehrfach gewahrnt wurde ist Memento kein Film den man mal so zuwischendurch sehen könnte und erst recht kein Film bei dem man das Hirn ausschalten kann und sich nur berieseln lassen kann. Aber wenn man in der richtigen Stimmung für so einen Film ist wird man bestimmt nicht enttäuscht.

    Wertung: 10/10
     
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