Irreversibel

Dieses Thema im Forum "Kurzkritiken und Diskussion" wurde erstellt von SAB, 20. Juni 2008.

  1. SAB

    SAB Filmgott

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    Gesamtübersicht aller Kritiken zu Irreversibel:

    #02 20.06.08 SAB
     
    Zuletzt bearbeitet von Tarantino1980 - 21. August 2013
  2. SAB

    SAB Filmgott

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    AW: Irreversibel

    Irreversibel


    Geschichte:
    Die Handlung beginnt in einem schmutzigen Pariser Hinterhof-Sadomaso-Club, in dem zwei Freunde (Vincent Cassel, Albert Dupontel) den Vergewaltiger der Frau (Monica Bellucci) einer der Männer stellen wollen. Als sie den vermeintlichen Täter finden, wird ihm, weil es zur Schlägerei kommt, mit einem Feuerlöscher der Schädel eingeschlagen. Nach dieser Szene sehen wir die beiden Freunde plötzlich auf der Straße wieder und sehen wie sie eine Prostituierte fragen, wo denn der Club "Rektum" sei.
    Nun ist dem Zuschauer klar, das wir diese Rachegeschichte rückwärts erzählt bekommen. Wir sehen sowohl den Rachefeldzug, die Vergewaltigung als auch, wie die drei Personen den Tag begannen.

    Wertung:
    Wie bereits erwähnt, wird die Geschichte des Films rückwärts erzählt, was eigentlich als Nachteil gewertet werden sollte, da wir so schon den Ausgang der Geschichte kennen. Doch ist dies gerade der Reiz, da man so noch viel gespannter sein kann, wie es zu diesen tragischen Ereignissen kommen konnte.
    Dramaturgisch gesehen ist Gaspar Noes Film tatsächlich grandios. Auch alle Darsteller brillieren in ihren Rollen und spielen grossartig.
    Der Film beginnt sehr hektisch und düster, lediglich mit Handkamera gedreht. Doch wird er im Verlauf immer ruhiger und statischer. Wird vor all den Gräueltaten sogar überraschend farbenfroh.
    "Irreversible" lässt den Zuschauer nach seinem Ende über ein vermeintliches Schicksal, sprich über Vorherbestimmung seiner Person nachdenken. Der abschließend gezeigte Satz "Die Zeit zerstört alles" ist hierbei bezeichnend.
    Doch leider macht sich Noe bei seiner Inszenierung auch einiges kaputt indem er zwei unerträglich brutale und abscheuliche Szenen einbaut. Zum einen die oben genannte Szene mit dem Feuerlöscher in der der Kameramann voll auf das Gesicht des am Boden liegenden Opfers hält und wir als Zuschauer jeden einzelnen Schlag in das Gesicht zu sehen bekommen. Die zweite Szene ist die knapp neun minütige Einstellung der Vergewaltigung von Monica Belluccis Figur.
    Die eindeutig gewollte Provokation hätte man auch subtiler ereichen können.
    Ohne diese übertriebenen Gewaltätigkeiten (diese Szenen anzureißen oder gar off-screen geschehen zu lassen, wäre ausreichend gewesen) hätten dieses Machwerk bestimmt eine größere Menge Zuschauer gesehen.

    Fazit:
    Es hätte ein grossartiger Film werden können, so bleibt aber leider ein fader Beigeschmack, der ein wirkliches Film"vergnügen" schlicht unmöglich macht!
    Eine etwas konventionellere Herangehensweise hätte dem Film gut getan!

    Bewertung: 5 / 10 Punkten
     
    Zuletzt bearbeitet von deadlyfriend - 19. Juli 2009
  3. Willy Wonka

    Willy Wonka Locationscout Mitarbeiter

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    AW: Irreversibel

    Eine konventionellere Inszenierung hätte die Wirkung des Films vollkommen zerstört.

    Schon bei den ersten Bilder erkennt der Zuschauer hier stimmt was nicht, denn der Film beginnt mit dem Abspann und dieser beweget sich auch sehr merkwürdig und dreht und verschiebt sich. Die Töne untermalen diesen bizarren Eindruck dann vollkommen.

    Bei den ersten richtige Einstellung des Films sieht man zwei Männer, welche sich unterhalten, aber diese liefern der nachfolgenden Geschichte prinzipiell nicht wichtiges. Erst später habe ich erfahren, dass es sich um Personen handelt aus einem früheren Film von Gaspar Noe, welchen ich jetzt unbedingt sehen will.

    Die Kameraarbeit ist eine völlig andere und in den Clubszenen erkennt man immer nur Bruchstücke. Hinzu kommt noch ein heftiges Dröhnen was die aggressiven Impulse der Charaktere noch hervorhebt. Für mich die verstörendesten Sequenzen des Films.

    Später werden die Szenen länger und die Kamera bleibt relativ ruhig. Vor allem beim Höhepunkt, die Katastrophe, wenn man sie denn so nennen will.
    Die Vergewaltigung ist unerbittlich hart und realistisch eingefangen worden, doch das Merkwürdige ist, dass ich sie als gar nicht so hart empfand, ich habe kaum etwas gefühlt.
    Ein Zeichen das ich abstumpfe oder schon vollkommen abgestumpft bin?
    Durch das rückwärtige Erzählen hat der Zuschauer noch gar keinen Bezug zu Alex.
    Sie ist mehr oder weniger eine Fremde. Genauso wie der Fremde, welche die Vergewaltigung aus der Entfernung sieht, aber kurz darauf wieder verschwindet.
    Durch den weiteren Verlauf lernt der Zuschauer immer mehr über Alex und ihre Freunde und sie wirkt nicht mehr so fremd, aber im Hinterkopf hat man immer noch die Vergewaltigung, welche später unausweichlich stattfinden wird.
    Es ist bedrückend wenn Alex und ihre Freunde so offen über Sex und den Höhepunkt reden, wobei das Thema erst langsam von Alex enttabuisiert wird.

    Erst durch die Vorstellung der Personen begreift der Zuschauer die schrecklichen Ereignisse welche noch Folgen werden und vor allem wenn man kurz vorm Ende des Films erfährt, dass Alex schwanger ist.

    Der Film endet im Park, wo Alex in Ruhe ein Buch liest und sehr glücklich zu sein scheint. Dann dreht sich die Kamera aus der Vogelperspektive unaufhörlich um einen Rasensprenger und Kinder die darum laufen.
    Zum Schluss wird alles hell und helle Blitze flackern über den Fernseher. Wenn man intensiv hinguckt, auch wenn die Augen langsam anfangen zu tränen, meint man den Weltraum zu erkennen. Ist das Ende also der eigentlich Beginn der Geschichte der Zusammenstoß zwischen Anfang und Ende? Das unausweichliche? Schicksal? Übersetzt heißt Irreversibel nichtumkehrbar und das ist einer der zentralen Punkte der Geschichte.

    Ich sehe in dem Film noch eine weitere Botschaft und zwar wollte der Regisseur mit dem Film ein Tabu brechen.
    Und zwar das die heutige Gesellschaft trotz der harten Szenen von der Vergewaltigung nicht ganz mitfühlen kann oder gar nicht mitfühlt. Erst durch die Details wie, das die Frau nett und lieb ist, gutmütig und auch schwanger ist nimmt die Katastrophe einen größeren Ausmaß an.
    Als man das Erfahren hat, ist die emotionale Reaktion des Zuschauers doch viel größer. Doch hat eine schwangere Frau mehr Mitgefühl verdient als eine Frau, welche wir nicht kennen?
    Für mich ist es die Entfremdung der Gesellschaft die Noe anprangert und diese ist wahrscheinlich auch Irreversibel also nicht umkehrbar.
     
  4. King-of-Leon

    King-of-Leon Filmstar

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    AW: Irreversibel

    Schöner Text, willy, und ich kann dir da auch nur zu 100% zustimmen.

    Jede andere Herangehensweise, wäre ein Fehler gewesen.
     
  5. SAB

    SAB Filmgott

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    AW: Irreversibel

    Tolle Kritik von dir, willy! :hoch:

    Mit der konventionelleren Herangehensweise meinte ich, das der Film halt so wesentlich "erträglicher" gewesen wäre! Aber Noe wollte ja gar kein Film"vergnügen" erschaffen sondern eine zutiefst erschütternde Geschichte erzählen, was nun mal nicht ohne diese Szenen gegangen wäre!
     
  6. deadlyfriend

    deadlyfriend Casting Mitarbeiter

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    AW: Irreversibel

    Ich habe den Film bei der Vergewaltigung abgeschaltet. Mir war das eindeutig zu plakativ. Zu viel " Seht her was das für ein harter Film ist". Wenn er ein wirklich guter Filmemacher ist hätte er die gleiche Wirkung auch auf anderem Wege erzeugen können. Aber aufgrund von der Rezension von Willy komme ich ein wenig ins Trudeln ob ich ihn mir vielleicht doch nochmal anscahuen sollte. Irgendwie verspüre ich aber wenig Lust mich da nochmal durchzuquälen.
     
  7. Willy Wonka

    Willy Wonka Locationscout Mitarbeiter

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    AW: Irreversibel

    Danke für euer Lob. :kiss:


    Es ist wirklich plakativ, aber ich denke es ist so gewollt, aber nicht weil er einen harten Film machen wollte, sondern er wollte es detaliert zeigen und den Zuschauer fragen fühlt ihr was?

    Und ich musste dann irgendwie an das Lied "An Tagen wie diesen" von fettes Brot denken:

    Die täglichen Nachrichten sind genauso plakativ wie dieser Film in der Vergewaltigungsezene.

    Würde mich sehr freuen, wenn du ihn dir nochmal ansiehst, denn vielleicht nimmst du den Film wirklich ganz anders wahr.
    Und was mir auch an dem Film gefällt ist, dass er eben so ein gutes Diskussionsmaterial bietet, weil er einfach mal anderes ist und nicht so oberflächlich wie viele andere Filme.
     
  8. SAB

    SAB Filmgott

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    Oh ja! Und deshalb hoffe ich, das hier noch einige mehr Leute mitdiskutieren und sich bald zu Wort melden!
     
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