Cosmopolis

deadlyfriend

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Cosmopolis

Erik Packers ist mehrfacher Milliardär und trotz seines jungen Alters ein hohes Tier in der Finanzwelt. Er beschließt eines Morgens zum Friseur zu fahren. Allerdings am anderen Ende von New York, weshalb er sich mit seiner riesigen Limousine dorthin chauffieren lassen möchte. Sein Security Chef warnt allerdings davor, da zeitgleich der Präsident in der Stadt ist und gleichzeitig auch ein Trauerzug eines berühmten Musikers durch die eh schon dichten Straßen der Weltmetropole fährt. Obendrein ist noch ein Anschlag auf ihn geplant, aber er lässt sich von seinem Plan nicht abbringen.

Auch wenn David Cronenberg in seinen letzten 3 Werken, die Türen für den normalen Zuschauer weit aufgestoßen hatte, schlägt er sie jetzt mit voller Wucht wieder zu. Dies ist allerdings keine bewusste Reaktion da drauf, denn das Drehbuch hatte er bereits vor "Eine dunkle Begierde" fertig. Dennoch ist der Film absolut unzugänglich, was sich in vielen zeitgenössischen Rezensionen widerspiegelt. Dies lag natürlich auch daran, dass Hauptdarsteller Robert Pattinson, vom "Twilight" Publikum verfolgt wurde und die werden fassungslos im Kinositz entschmachtet worden sein. Zusätzlich wirkt der Trailer völlig anders, als "Cosmopolis" letztendlich ist. Der Film spielt zum größten Teil innerhalb der Limousine, die futuristisch designt wurde und eher an ein Raumschiff erinnert. Auch das Sound Design ist ungewöhnlich, da man fast keine Umgebungsgeräusche hört, während die Bilder der Fahrt durch die Stadt, völlig unwirklich am Fahrzeug vorbeiziehen. Da man fast nur in Schrittgeschwindigkeit vorwärtskommt, kann der Zuschauer teils spektakuläre und völlig bizarre Dinge im Hintergrund sehen, die von den Fahrzeuginsassen kaum registriert werden. Fahrzeuginsassen habe ich bewusst gewählt, da Pattinson dort nicht allein sitzt. Er hat nämlich ständig wechselnde Besucher und Juliette Binoche, Samantha Morton, Jay Baruchel und viele weitere Darsteller geben sich die Autotür in die Hand. Gleichzeitig wird mit Zeit und Raum gespielt, da er zwischendrin Essen geht oder sich in einem Hotelzimmer befindet. Fast schon eine Art Roadmovie, nur eben mit höchstens 10 Stundenkilometer auf dem Tachometer. Dazu seltsame Dialoge, denen man manchmal nur schwer folgen kann, neben Weisheiten und philosophischen Ansätzen. Immer wieder gestört vom leicht paranoiden Sicherheitsmann, der seine Informationen vom scheinbar allmächtigen Komplex erhält und Erik immer wieder zur Vorsicht mahnt.
Der Film verfügt über keinen konventionellen Spannungsbogen und wirkt völlig surreal, obwohl Cronenberg auf körperbetonte Elemente eher verzichtet. Es ist die gesamte Szenerie, die Örtlichkeiten, die Kamera, die Musik und die Atmosphäre. Selbst wenn man den Film wirklich grauenhaft langweilig findet, schafft er es dennoch in Erinnerung zu bleiben. Dafür ist er nämlich einfach zu anders, um in Vergessenheit zu geraten. Cronenberg hat erneut einen Film erschaffen, der einfach alles anders macht und keine Vergleiche zulässt. Ein "der ist ähnlich wie" fällt einfach aus. In seinem eigenen Universum sehe ich ihn, wenn überhaupt, mit einer Nähe zu "Crash" ausgestattet und das ist wirklich ein komplett subjektiver Eindruck. Damit ist "Cosmopolis" ein typisch untypischer Film des Kanadiers, der mich einmal mehr in Verzückung und Staunen versetzte. Allerdings gilt auch hier, dass man ihn nicht einfach empfehlen kann. Eine Zielgruppe ist nicht auszumachen, nur sollte man sich geschmacklich eben weit weg vom Mainstream befinden und offen für das Andere sein, aber auch das ist keine Garantie. Wie meistens sagt uns Cronenberg auch nicht, was wir aus dem Gezeigten mitnehmen sollen, und präsentiert uns auch keine Eckdaten und Wegweiser, was wir zu denken und zu fühlen haben. Er lässt uns einmal mehr einfach zuschauen, um die Geschichte selbst zu erleben und zu beurteilen. Ohne doppelten Boden, aber mit ganz viel Interpretationsspielraum.
 
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