Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Boulevard der Dämmerung
Gesamtübersicht aller Kritiken zu Boulevard der Dämmerung:
#02 02.12.08 Vince (http://www.filmvisionaere.com/showpost.php?p=35608&postcount=2)
#03 06.07.09 deadlyfriend (http://www.filmvisionaere.com/showpost.php?p=83477&postcount=3)
Kritik von Vince
BOULEVARD DER DÄMMERUNG (http://www.ofdb.de/view.php?page=film&fid=20087)
In seinem Entstehungskontext zu Anfang der 50er Jahre überaus gewagtes Portrait des moralischen Sündenpfuhls Hollywood, das mit Oscarnominierungen überschüttet wurde - mutmaßlich ein Ablenkungsmanöver der Academy gegen einen in Wirklichkeit in Ungnade gefallenen Regisseur Billy Wilder, der sich skrupellos gegen jene wandte, die ihn fütterten - diese Aussage jedenfalls ist von Louis B. Mayer überliefert, dem Gründer der MGM. Denn Wilder nimmt wahrlich kein Blatt vor den Mund, insbesondere im Angesicht des entlarvenden Neorealismus, in dessen Folge Studios beim Namen genannt, Filmklassiker ("Vom Winde verweht") hinterfragt und berühmte Schauspieler (Charlie Chaplin) parodiert werden. Im Grunde ist gar Gloria Swansons Hauptrolle eine Parodie auf sie selbst.
Die Traumfabrik wird von einer Seite gezeigt, die das Teilwort Fabrik betont - eine rücksichts- und skrupellose Industrie, der es um Gewinnanhäufung geht. Der Traum bleibt dabei eine Illusion, hervorragend vermittelt durch die von der Swanson theatralisch gespielte Ex-Stummfilmkönigin Norma Desmond, die in ihrer eigenen abgeriegelten Welt lebt, substitutiv für die grausame Wirklichkeit, der sie sich nicht mehr stellen möchte. Am Ende vermischen sich Realität und Fiktion, ein desillusionierendes Bild im Angesicht des Idealbildes davon, was der Hollywood-Film in seiner Urintention bezweckt.
Der Einfluss dieses Meisterwerkes des Film Noir lässt sich heute insbesondere in David Lynchs Arbeiten wiedererkennen.
10/10
deadlyfriend
06.07.2009, 18:53
Boulevard der Dämmerung (http://www.ofdb.de/film/20087,Boulevard-der-D%C3%A4mmerung)
Joe Gillis ist ein eher zweitklassiger Drehbuchautor. Er kann kaum seine Miete bezahlen und die Gerichtsvollzieher möchten zwingend sein Auto konfiszieren, da er auch hier die Rate nicht mehr zahlen kann. Eher windig aber geschickt schafft er es sich immer wieder aus der Verantwortung zu ziehen und landet durch eine Reifenpanne auf einem scheinbar verlassenen Anwesen um sein Auto erstmal vor den Blicken der staatlichen Jäger zu schützen. Allerdings ist das Anwesen nicht verlassen. Obwohl es äußerlich nicht danach aussieht wohnt der ehemalige Stummfilmstar Norma Desmond nebst ihrem Butler Max im Innern der Prachtvilla. Der einstige Superstar hat den Abgesang der Stummfilm-Ära nicht verkraftet und arbeitet an ihrem Comeback, für das sie sich selbst das Drehbuch schreibt. Sie sichert sich die Dienste von Gillis und vereinnahmt ihn völlig, ohne zu merken das ihr Ruhm nur noch in der Erinnerung existiert. Eine fatale Zweckgemeinschaft nimmt ihren Lauf.
Was Billy Wilder im Jahre 1950 auf die Leinwand zauberte ist nicht nur spektakulär, sondern eine gnadenlose Abrechnung mit Hollywood. Von den Kollegen als Nestbeschmutzer beschimpft, präsentierte er im Stil des "Film Noir" einen der ganz großen Klassiker der Filmgeschichte. Schon die Eröffnungssequenz ist grandios und wurde unzählig oft zitiert. Wilder hatte bei diesem Projekt die absolute Freiheit und täuschte sein eigenes Studio, in dem er angab einen Roman zu adaptieren und lieferte immer nur unscheinbare Sequenzen ab, um die Bosse nicht zu beunruhigen. Wenn die gewußt hätten was er da dreht, hätte er ihn niemals durchbekommen. David Lynch gab ihn mal als seinen Lieblingsfilm an. Wen wundert das, produziert er doch gerne selbst mal einige schwarze Schatten auf die Glitzerwelt der Traumfabrik. Auch die Namensgebung "Mulholland Drive" zeigt recht deutlich eine Verneigung vor "Sunset Boulevard".
Der absolute Clou des Films ist aber die Realitätsnähe und die Wahl der Darsteller. Die Figur von Norma Desmond wird von Gloria Swanson verkörpert, ein Stummfilmstar der nach der Entdeckung des Tonfilms unterging. Sie spielt somit quasi ihre eigene Geschichte. Aber nicht nur das. Ihr Butler Max gibt sich im Film als gescheiterter Regisseur aus und wird von Erich von Stroheim dargestellt. Dieser ist ein fast gescheiterter Regisseur der ebenfalls mit Gloria Swanson in der Stummfilmzeit drehte. Diesen Film präsentiert er dann widerum ausschnittsweise innerhalb von "Boulevard der Dämmerung". Für mich ist das geradezu bahnbrechend in der Perfektion des Skripts. Zu dem lädt die Dame des Hauses gerne mal Gäste zum Karten spielen ein. Ältere Herrschaften die Gillis verächtlich als "Wachsfiguren" bezeichnet. Diese Gäste sind ehemalige Schauspiel-Kollegen von Norma Desmond. Tatsächlich sitzen aber wirklich ehemalige Kollegen von ihr auf der Couch, wodurch man beispielsweise Buster Keaton wiedersieht. Von solchen Dingen sieht und hört man noch jede Menge. Selbstverständlich wurde an Original-Schauplätzen gedreht und viele Locations gab es bzw. gibt es noch immer.
Dieses einmalige Sujet ist auch heute noch ein Meilenstein der Filmgeschichte. Mit soviel Liebe zum Detail verwirklicht, kann man "Boulevard der Dämmerung" nur als einen der wichtigsten Beiträge für jeden ernstzunehmenden Cineasten nennen. Ein Dokument einer Zeit als Hollywood in strahlendem Glanz präsentiert wurde und man hinter der Fassade kaum einen gefühlskalten Abgrund vermuten konnte.
Ganz kurz zusammengefaßt: Ein Meisterwerk
deadlyfriend
06.07.2009, 19:52
Noch ein Nachtrag:
5 Rezensionen bei der ofdb = 5 x 10 von 10 (der eine 8ter ist innerhalb der Rezension eine 10:confused:)
21 Bewertungen bei Amazon = 17 x 5 Sterne und 4 x 4 Sterne
Da scheinen sich mal alle relativ einig zu sein.
mir sagt der film noch nichts.
wird aber demnächst geändert
deadlyfriend
07.07.2009, 19:11
mir sagt der film noch nichts.
wird aber demnächst geändert
Oh, da bin ich dann aber wirklich gespannt!
Die wilde 13
14.02.2012, 20:56
Was ich heute zu sehen bekommen habe, kommt fast schon einer Offenbarung gleich. :hoch:
Wie deadly schon in seiner ausführlichen KK schrieb, ist das geniale Skript von Wilder und Brackett so nah an der schmerzhaften Realität, das es kein Wunder war, das Billy Wilder von Louis B. Mayer als "Bastard" beschimpft wurde...
Gloria Swanson liefert eine Perfomance ab, die ihresgleichen sucht. Ihre Augen, ihre Mimik und Gesten sind so prägnant und durchdringend aber niemals overacted.
Wenn man sich dann noch vor Augen führt, das sie quasi sich selbst spielt bzw. das Schicksal, was sie selbst und viele ihrer Kolleginnen durchgemacht haben, ist diese Leistung einfach fantastisch.
Jetzt weiß ich auch, an wen Glenn Close ihre "Cruela de Vil" oder die "Madam Medusa" aus Bernard und Bianca angelehnt sind. ;)
William Holden spielt den Opportunisten Gillis auch mit Bravour. Einerseits vom schlechten Gewissen geplagt, andererseits aber dem relativ leicht verdienten Mammon verfallen. Dabei kommt er stets recht sympathisch rüber auch wenn man ihm manchmal zurufen möchte: "Mach es nicht!!"
Es gibt so viele wunderbare Szenen ( Die Leiche im Pool, die Filmvorführung, die Offenbarung von Butler Max (Erich von Stroheim ist auch grandios!),die Chaplin-Persiflage/Hommage, das Polizeiverhör, der Abgang von Mrs. Desmond...), die man kaum alle beschreiben kann. Sehen muss man sie!
Ich bin mir mittlerweile auch so gut wie sicher, das ich Boulevard der Dämmerung entgegen meiner Vermutung doch noch nie gesehen habe. Denn trotz meiner damaligen Unbedarftheit hätte sich die ein oder andere geniale Szene tief in mein Gedächtnis einbrennen müssen, da bin ich mir sicher. Sowas kann man nicht vergessen.
Aber schön, das man solche Schätze noch entdecken darf. Ich freue mich schon auf den nächsten von mir noch ungesehenen Wilder-Film. :)
deadlyfriend
14.02.2012, 21:09
Erstmal freue ich mich sehr, das dieser Thread nach oben gespült wurde, da ich es schon ein wenig Schade fand, das so ein gigantischer Film hier so ein trauriges Dasein fristet.
Noch mehr freue ich mich aber, das er dir so gut gefällt.:hoch: Ich finde ihn ja ebenfalls wahnsinnig brillant und er gehört mit Sicherheit zu den Meilensteinen des Kinos.
So einen Film muß man erstmal abliefern und die Dramaturgie innerhalb der Dramaturgie, sucht immer noch einen ebenbürtigen Gegner.
Die wilde 13
14.02.2012, 21:30
Erstmal freue ich mich sehr, das dieser Thread nach oben gespült wurde, da ich es schon ein wenig Schade fand, das so ein gigantischer Film hier so ein trauriges Dasein fristet.
Ich hab den Thread erst gar nicht gefunden, weil ich unter "S" gesucht habe... :rolleyes:
Noch mehr freue ich mich aber, das er dir so gut gefällt.:hoch: Ich finde ihn ja ebenfalls wahnsinnig brillant und er gehört mit Sicherheit zu den Meilensteinen des Kinos.
So einen Film muß man erstmal abliefern und die Dramaturgie innerhalb der Dramaturgie, sucht immer noch einen ebenbürtigen Gegner.
Nach dem Film habe ich mir auch die Doku auf der DVD angeschaut. Sehr informativ. Wenn ich es schaffe, schaue ich mir den Film die Tage auch noch mit dem Audiokommentar an. Mein Interesse an noch mehr Hintergrundinformationen zu diesem Geniestreich ist auf jeden Fall geweckt. :)
deadlyfriend
03.04.2012, 10:47
Gloria Swanson liefert eine Perfomance ab, die ihresgleichen sucht. Ihre Augen, ihre Mimik und Gesten sind so prägnant und durchdringend aber niemals overacted.
Es ist zumindest überliefert das sie sich die gesamten Dreharbeiten dermaßen in ihre Rolle reingesteigert hat, das sie nach dem letzten Take in einem Heulkrampf zusammengebrochen ist.
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